BASISKURS PART II: Das Ausarbeiten

 

Herzlich Willkommen zu Modul II meines neuen Schreibkurses: SCHREIB DEIN BUCH – Basiskurs mit Nina Hirschlehner. Heute widmen wir uns dem Ausarbeiten deiner Geschichte. Das ist ein sehr ausführliches Thema, über das ich Stunden sprechen könnte (keine Übertreibung!). Aber um dich nicht gleich zu überfordern, kümmern wir uns heute erst mal um die Basics. Ein ausführlicher Kurs zu diesem Thema folgt!

Die Themen im Überblick:

  • Die ungefähre Länge und Kapitelanzahl
  • Die Perspektive
  • Charaktere ausarbeiten
  • Der Plot
  • Die Heldenreise
  • Der rote Faden beim Schreiben
  • Der Ausweg bei verzwickten Situationen

Die ungefähre Länge und Kapitelzahl

Ein Thema, nach dem ich oft befragt werde: Wie lange soll mein Manuskript sein? Das war auch eine der ersten Fragen, die ich mir gestellt habe. Mein erstes Buch war die „The Last Desire“-Reihe. Sie sollte beeindruckend und episch werden – auf keinen Fall zu kurz. Dabei wurde mir aber klar: Ich hatte absolut keine Ahnung, wie lang ein durchschnittliches Buch ist. Es gibt ja dickere und dünnere Bücher. Aber wie sieht es mit dem Umfang aus? Ich habe mir dann ein Buch zur Hand genommen. Damals war es ein Hardcover, Band 1 der House of Night-Reihe. Ich habe die Wörter auf einer Seite gezählt und das dann grob mit der Seitenzahl multipliziert. Ich weiß nicht mehr, auf wie viele Wörter ich da gekommen bin. Aber es waren viele. Darum war ich der Meinung, dass mein Buch auch so lang werden muss!

The Last Desire“ hat nun etwa 140.000 Wörter PRO BAND. (Zu deiner Info: Es werden insgesamt 10 Bände und ich arbeite gerade an Band 6.) Das ist sehr, sehr viel. Rückblickend betrachtet sogar zu viel! ich würde behaupten, dass der Umfang auch abhängig vom Genre ist. Fantasybücher sind in der Regel etwas länger, Liebesromane eher kurz gehalten. Das liegt auch daran, dass man in einen Liebesroman gar nicht so viel Spannung und Überraschungsmomente einbauen kann, wie bei einem Fantasybuch. Da hat man einfach viel mehr Möglichkeiten!

Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass ein Liebesroman langweilig ist. Wie sagt man so schön? In der Kürze liegt die Würze. Ich persönlich setze mir beim Schreiben immer folgendes Ziel: Fantasy – ca. 100.000 Wörter und 40 Kapitel, Jugendbuch / Liebesroman – mind. 50.000 Wörter und 30 Kapitel.

Das mit den Kapiteln ist auch so eine Sache. Du kannst sie natürlich frei wählen. Bei mir müssen es immer runde Zahlen sein, aber das ist vermutlich nur so ein persönlicher Tick! Bei meinem Roman „Lass uns Träume sammeln“ habe ich es zum Beispiel ganz anders gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie viele Kapitel das Buch hat. Denn hier gibt es nur Titel. Ich habe ein Kapitel geschrieben, und wenn alles gesagt war, habe ich das nächste begonnen. Dabei habe ich mir keinerlei Gedanken um den Umfang oder die Anzahl der Kapitel gemacht. Und was soll ich sagen? Es hat sich fantastisch angefühlt! Bei meinen anderen Büchern setze ich mir immer Vorgaben. Bei „The Last Desire“ zum Beispiel soll jedes Kapitel etwa 2.800 Wörter haben. Das funktioniert aber auch nur, weil ich mit verschiedenen Perspektiven arbeite. Und damit wären wir auch schon bei meinem nächsten Punkt angelangt.

Die Perspektive

Bestimmt kennst du das: Jeder Autor hat einen eigenen Schreibstil und jeder hat auch eine bevorzugte Perspektive. Liebesromane zum Beispiel werden in der Regel in der Ich-Perspektive und in der Gegenwart geschrieben. Dadurch wirkt die Geschichte viel greifbarer und die Handlung passiert schneller. Fantasygeschichten hingegen werden meist in der Mitvergangenheit erzählt. Auch die Perspektive ist hier oft unterschiedlich. Es kann die Ich-Perspektive geben, oder die Geschehnisse werden aus der 3. Person geschildert. Persönlich nutze ich gerne eine Mischung aus beidem. Um tiefere Einblicke in die Charaktere zu gewähren, lasse ich jeden zu Wort kommen. Aber ich unterscheide zwischen Protagonist und Nebencharakter. Die Sicht des Protagonisten ist in der Ich-Perspektive geschrieben, alle anderen in der 3. Person.

Eine andere Form des Erzählens ist der Allwissende Erzähler. Hier beschränkt sich die Sicht nicht auf eine Person, sondern man kann in jeden Kopf eintauchen. Bei der Perspektive sind deiner Fantasie also keine Grenzen gesetzt. Nimm das, womit du dich am wohlsten fühlst!

So arbeitest du deine Charaktere aus

Bestimmt hast du schon eine Idee, wie dein Charakter aussehen soll, darauf werde ich hier nicht eingehen. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, also werde ich dir nicht erklären, wie der perfekte Protagonist auszusehen hat. Trotzdem habe ich dir mal einen kleinen Charakterbogen erstellt. Den kannst du dir ausdrucken und nach Belieben ausfüllen:

Wobei ich dir aber sehr wohl helfen kann, ist die Ausarbeitung deiner Charaktere. Egal ob Protagonist oder Nebencharakter: Jeder Mensch in deinem Buch sollte eine Hintergrundgeschichte haben. Dadurch wirkt die Geschichte realistischer und die Beweggründe der Charaktere werden klar.

Der Leser muss wissen, warum sich ein Charakter so verhält, wie er es eben tut. Dieser Punkt wird oft vergessen, weil es für dich in diesem Moment eben passend erscheint. Aber für den Leser ist es vielleicht nicht nachvollziehbar. Also solltest du dir genau überlegen, was deinen Protagonisten zum Handeln motiviert. Hat er Angst, ist er verliebt? Aus welchen Gründen handelt er so und nicht anders? Es muss immer eine logische Erklärung für eine Handlung geben, ansonsten wirkt das Buch unglaubwürdig. Du musst deinen Charakter besser kennen als er sich selbst! Und um das zu schaffen, kannst du ihm folgende Fragen stellen:

Der Plot

Ein wenig haben wir im letzten Modul schon darüber gesprochen. Wenn du kein gutes Gefühl dabei hast, einfach drauf los zu schreiben, dann solltest du deine Story planen. Das ganze nennt sich plotten. Du arbeitest den Plot, also die Handlung der Geschichte aus. Es gibt verschiedene Wege, das zu tun. Du kannst eine 3-Akt-Struktur ausarbeiten oder nach dem Schneeflocken-Prinzip vorgehen. Aber diese Vorgehensweisen sind eher etwas für fortgeschrittene Autoren – darüber möchte ich gerne in einem anderen Kurs tiefer eingehen. Heute habe ich etwas anderes für dich vorbereitet. Und zwar die Heldenreise.

Zur Erinnerung: Wir haben im letzten Modul bereits Ideen gesammelt und sie in eine ungefähre Reihenfolge gebracht. Das ist schon mal ein solider erster Schritt. Aber nun gehen wir sogar noch weiter. Wir bringen die Geschichte in Form – mit Hilfe der Heldenreise. Vielleicht sagt dir der Begriff ja schon etwas. So gut wie jedes Buch (und Film) ist nach diesem Prinzip aufgebaut. Der Held deiner Geschichte durchläuft eine Reise und die hat eine bestimmte Form. Wir kennen diese Struktur aus vielen Büchern, wie zum Beispiel Harry Potter. Darum ist es wahrscheinlich, dass du deine Geschichte schon intuitiv richtig aufbaust. Aber wir wollen ja auf Nummer sicher gehen, oder?

Die Heldenreise

Im Folgenden habe ich dir die einzelnen Schritte der Heldenreise aufgelistet und erklärt.

  1. Die gewohnte Welt. Eine Geschichte beginnt meistens damit, dass dein Protagonist in seiner „natürlichen Umgebung“ gezeigt wird. So kann man ihn erst mal kennen lernen. Zeige den Lesern, wie er lebt, welche Ängste er hat, was er sich wünscht. Sie sollen eine Art Beziehung zu deinem Charakter aufbauen. Dabei kann es helfen, wenn der Leser zu einem gewissen Grad „Mitleid“ mit dem Charakter hat. Man soll sich in den Protagonisten hineinversetzen können. Vielleicht hat er ja Probleme in der Schule oder bei der Arbeit – etwas, das jeder nachvollziehen kann.
  2. Der Ruf. Etwas passiert. Dein Charakter wird dazu aufgerufen, sein bisheriges Leben auf den Kopf zu stellen.
  3. Die Verweigerung. Natürlich ist der Protagonist nicht gleich Feuer und Flamme für diese Veränderung. Er will lieber in seiner gewohnten Umgebung bleiben.
  4. Der Mentor. Das ist eine Person, die deinen Charakter davon überzeugt, den Schritt zu gehen. Die „Schwelle“ zu übertreten.

  5. Überwinden der ersten Schwelle.  Dein Protagonist folgt dem Ruf zum Abenteuer. Er kündigt den Job, tritt eine Reise an, oder was auch immer du für ihn geplant hast.

  6. Die Prüfungen. Auf seinem Weg muss dein Charakter mehrere Prüfungen bestehen. Hier musst du Konflikte schaffen, um die Geschichte spannend zu gestalten.
  7. Der Entscheidungskampf. Hier sind wir am Höhepunkt angelangt! Dein Protagonist muss seine höchste Prüfung antreten. Egal ob er gewinnt oder verliert, es wird sich vieles ändern, weil viel auf dem Spiel steht.
  8. Die Belohnung. Nach erfolgtem Kampf erhält dein Protagonist, was er sich gewünscht hat.

  9. Rückkehr in die gewohnte Welt. Nachdem dein Charakter eine aufregende Reise hinter sich hat, kehrt er wieder zurück in sein altes Leben.

  10. Der Schwierige Rückweg. Natürlich gestaltet sich das nicht so einfach. Immerhin hat sich viel für deinen Protagonisten verändert. Er ist nicht mehr der Gleiche wie zu Beginn der Reise! Und das führt mich zum letzten Punkt. Nämlich:
  11. Meister beider Welten. Der Mangel vom Anfang der Geschichte ist behoben. Dein Charakter ist über sich hinausgewachsen. In diesem letzten Punkt wird die Veränderung deines Protagonisten merkbar. Bei Reihen kann dieser letzte Punkt auch entfallen, um für einen Cliffhanger zu sorgen.

Der rote Faden beim Schreiben

Immer wieder passiert es mir, dass ich das Ende zuerst schreibe. Oder Kapitel aus der Mitte bearbeite, die noch gar nicht an der Reihe waren. So kann es schnell passieren, dass man durcheinander kommt. Schon oft habe ich mich über mich selbst geärgert. Ich wusste nicht mehr genau, wann was passiert. Und darum habe ich mir überlegt, wie ich das vermeiden kann. Der Trick ist relativ simpel. Ich habe mir ein Stück Papier genommen und es in drei Sektoren aufgeteilt: Anfang – Hauptteil – Schluss. Immer wenn ich nun eine Szene schreibe, notiere ich mir die wichtigsten Fakten gleich nebenbei. Zum Beispiel: A hat B sein Geheimnis verraten, als sie gemeinsam durch den Park spazierten. Wie gesagt: Es klingt einfach, kann aber Wunder bewirken!

Für längere Projekte gehe ich sogar noch einen Schritt weiter. Ausführliche Projekte plane ich genauer als kürzere. Deshalb weiß ich auch schon ungefähr, wann was passieren wird. Ich lege mir also eine Excel-Tabelle an. Hier ein Beispiel aus meinem Roman „Lass uns Träume sammeln“:

Du siehst, ich habe eine Übersicht über alle Charaktere und füge ihre Rolle in jedem Kapitel ein. So sehe ich auch, welcher Charakter sich schon lange nicht mehr zu Wort gemeldet hat. So kann ich nie wieder durcheinander kommen. Du wirst jetzt wahrscheinlich sagen: Aber Nina, das ist ja so viel Arbeit! Stimmt. Aber ich habe nie behauptet, dass es einfach ist, ein gutes Buch zu schreiben. Es erfordert viel Mühe, und ich stecke lieber Zeit in eine  Übersicht wie diese, als ständig die richtige Stelle zu suchen, weil ich nicht mehr weiß, was wann passiert ist!

Der Ausweg bei verzwickten Situationen

Vielleicht kennst du das. Du bist mitten in einer Geschichte, alles läuft gut. Und plötzlich – plötzlich geht es nicht mehr voran. Dabei hat man doch alles geplant. Man weiß, wie es weitergeht. Und doch klappt es nicht. Was nun? Ich gehe in solchen Fällen folgendermaßen vor:

  • Ich mache ein Brainstorming. Das klingt wie etwas, das man aus langweiligen Seminaren kennt. Aber es funktioniert, glaub mir! Schreib auf, worum es grob in deiner aktuellen Situation geht. Welche Charaktere vorkommen, was sie denken oder fühlen. Stelle die Szene optisch dar. Du kannst auch Zeichnungen mit aufs Papier bringen. Es geht darum, dass du dich mit der Szene und deinen Charakteren auseinandersetzt. Und das wird dir auf jeden Fall besser gelingen, wenn du etwas tust, anstatt auf das leere Papier zu starren.
  • Auch hier rate ich dir wieder dazu, Musik zu hören. Vielleicht hast du schon eine Playlist für das Buch. Bei jeder Geschichte habe ich Lieder, die ich in meinem Kopf fest mit meinen Charakteren verbunden zu habe. Bei meinem Jugendroman „Ein Leben auf dem Scherbenhaufen“ gibt es zum Beispiel ein Lied, das mich immer an Marie und Daniel erinnert (Be The One von The Fray). Wenn ich den Song höre, kann ich mich viel besser in die Charaktere hineinversetzen. Es fällt mir leichter, ein Gefühl für sie zu bekommen. Das Gleiche gilt auch für Stimmungen. Das richtige Lied kann dich sofort in die passende Stimmung für deine Szene bringen. Wenn es darum geht, Spannung zu erzeugen, höre ich gerne Bands wie Asking Alexandria, Of Mice And Men, A Day To Remember. Oder auch klassisches wie Requiem For A Dream.
  • Pinterest. Mehr muss ich nicht sagen, oder? Leg dir dort einen Ordner für dein aktuelles Projekt an und speichere alles ab, was dir gefällt. Seien es nun Bilder von Charakteren oder Zitate.
  • Schlaf eine Nacht drüber! Oft sitze ich an einer Szene und weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll. Aber nach einer gewissen Pause sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Oft hat man sich in etwas verfahren, man kommt einfach nicht weiter. Pausen bewirken in solchen Momenten Wunder! Geh raus in die Natur, mach einen Spaziergang, lenke dich ab. Du wirst sehen, nachher klappt das Schreiben wieder viel besser!

Meine Aufgabe für dich: Arbeite den Protagonisten für dein Projekt aus! Stelle ihm Fragen, erschaffe eine Hintergrundgeschichte für ihn. Wer sind seine Freunde, wer seine Feinde? Hat er Haustiere? Was mag er besonders gerne? Wenn du das geschafft hast, bist du deinem Traum von einer umwerfenden Geschichte gerade einen Schritt näher gerückt!

Wenn du topmotiviert bist und noch eine Fleißaufgabe machen möchtest, dann versuch dich doch mal an der Heldenreise. Deine letzte Aufgabe bestand daraus, deine Ideen aufzuschreiben und in Form zu bringen. Versuche jetzt, die einzelnen Punkte in die Heldenreise einzuführen und deine Geschichte damit weiter auszuarbeiten. Ich bin dir gerne dabei behilflich. Schreib mir jederzeit eine Nachricht oder eine Mail an ninahirschlehner@outlook.com!